Grundsätzlich sind Handelsspannen schwierige Marktsituationen, da viele Kursbewegungen zufällig sind. Trotzdem gibt es einige Merkmale, anhand derer sich längere Handelsspannen analysieren lassen, um davon zu profitieren.
Wyckoff – Eine fast vergessende Legende
Handelsspannen bezeichnen längere Kurszonen mit einer oberen und unteren Grenze. Sie fixieren eine Aktie kurzfristig sowie langfristig in einem engen Kursbereich. Bullen und Bären kämpfen um die Vorherrschaft. Da sich der Markt in keinem Trend befindet, ist das Gleichgewicht zwischen Bullen und Bären nahezu erreicht.
In der Börsenhistorie gab es einen Experten, der Handelsspannen studierte. Es war Richard D. Wyckoff. Er lebte von 1873 bis 1934 und gilt als Urvater der technischen Analyse. Wyckoff bewies, dass das Preisverhalten einer Aktie in Bezug auf das aufgewendete Handelsvolumen eine Schlüsselkomponente für den weiteren Kursverlauf ist. In diesem Zusammenhang zeigte er auf, wie das Kursverhalten bei relativ niedrigem oder relativ hohem Volumen zu Richtungswechseln führt.
Wyckoff begann seine Berufslaufbahn im Alter von 15 Jahren als Laufbursche bei einem Aktienbroker. Mit 25 gründete er seine eigene Brokerfirma. In dieser Zeit gewann er tiefe Einblicke in die Verhaltensweisen der großen Spekulanten. Er studierte deren Manipulationen und gewann tiefe Erkenntnisse darüber, wie die „Fußspuren“ der großen Spieler auf dem Tape des Kurstickers zu erkennen sind.
Viele seiner Prinzipien sind heute Allgemeingut der technischen Analyse. Er führte die Balken- und die Point-&-Figure-Charts ein. Ebenso war er ein großer Verfechter des Setzens von Stopp-Kursen.
Bild 1: Wyckoff-Schema der Marktphasen
Das obere Schema gibt einen groben Überblick über die Wyckoff-Sichtweise. Während die kurzen Phasen der Reakkumulation und Redistribution noch einfach zu analysieren sind, gibt es bei den langen Phasen der Akkumulation und Distribution oft Probleme. Solche Phasen können Monate oder sogar Jahre andauern.
Die Wyckoff-Marktgesetze
Wyckoff definierte drei Marktgesetze. Sie waren für ihn die Grundlage der Analyse und Prognose von Kursen in einer Handelsspanne.
- Gesetz von Angebot und Nachfrage
Ein Aufwärtstrend entsteht, wenn langfristig die Nachfrage größer als das Angebot ist. Im umgedrehten Fall entstehen Abwärtstrends. - Gesetz von Ursache und Wirkung
Ursache und Wirkung stehen in einem engen Verhältnis. Um einen Kurseffekt (Wirkung) zu erzielen, benötigt man zunächst eine Ursache. Im Sinne der Wyckoff-Ursachen sind es die Phasen der Akkumulation bzw. Distribution von Wertpapieren.
Als Akkumulation oder Distribution bezeichnet man Handelsphasen, in denen Aktien mehr oder weniger unbemerkt eingesammelt oder abgestoßen werden.
Innerhalb dieser Phasen entstehen auch klassische Kursformationen, wie zum Beispiel Flaggen, Dreiecke oder Schulter-Kopf-Schulter-Formationen. - Gesetz von Aufwand und Ergebnis
Das dritte Marktgesetz bezieht sich auf die direkte Umsetzung der Volumen-Analyse. Man kann es auch als Tapereading in Reinkultur bezeichnen. Das aufgewendete Handelsvolumen (Aufwand) wird hierbei mit der Kursveränderung (Ergebnis) verglichen. Das dritte Gesetz dreht sich um die Frage: Wie viel Volumen wurde benötigt, um den Kurs zu bewegen, und wie viel Zeit ist dafür vergangen?
Akkumulation und Distribution
Das Ziel der Wyckoff-Methode ist es, eine zukünftige Marktrichtung vorherzusagen und das Chance/Risiko-Verhältnis zu verbessern. Eine Handelsspanne ist grundsätzlich ein Ausdruck des kurzfristigen Gleichgewichts zwischen Angebot und Nachfrage. Dabei hat jede Handelsspanne bestimmte Merkmale, die sich zur Prognose nutzen lassen. Die Akkumulation bzw. die Distribution dient dem energetischen Aufbau für die zukünftige Bewegung.
Die Nummerierung in Bild 2 ist nach der Identifikationsreihenfolge gewählt. Damit Punkt (2) definiert werden kann, muss zuvor Punkt (1) bestimmt sein. Deshalb liegt Punkt (2) vor dem Punkt (1).
- Abverkauf
Der Ausgangspunkt (1) kennzeichnet einen Abverkauf. Dabei gibt es zwei wichtige Merkmale, die niemals fehlen dürfen. Dies sind die Volatilität und das Handelsvolumen. Beide sind bei der Entstehung von Punkt (1) überdurchschnittlich hoch. Idealerweise liegt Punkt (1) direkt in einer Unterstützungszone. Die Berührung der Unterstützungszone ist ein zusätzlicher Hinweis darauf, dass Punkt (1) erreicht wurde. Weitere kleine Hinweise ergeben sich beim Erreichen von Fibonacci-Kurszielen oder runden Kursmarken.
- Die Vorunterstützung
Punkt (2) ist eine Vorunterstützung und stellt ein relatives Tief vor dem Abverkaufspunkt (1) dar. Er wird zu einem späteren Zeitpunkt wichtig, denn bei einer Aufwärtsbewegung bildet er meistens einen kleinen Widerstand. Oft wird die Handelsspanne erst überwunden, wenn der Punkt (2) vom Kurs durchdrungen wird.
- Automatische Gegenbewegung
Die automatische Gegenbewegung endet am Punkt (3). Gewöhnlich handelt es sich dabei um eine schnelle Kursrallye, die jedoch noch nicht den Durchbruch bzw. eine wahre Kursumkehr darstellt. Punkt (3) endet oft kurz vor oder nach Punkt (2). Anschließend fällt der Kurs wieder zurück. Ein Hinweis auf eine automatische Gegenbewegung ist das sinkende Handelsvolumen, je höher der Kurs steigt. Trader bezeichnen die Aufwärtsbewegung oft als „Short Squeeze“, da sie durch das Schließen von Short-Positionen entsteht. Die Mehrheit der Marktteilnehmer denkt zu diesem Zeitpunkt noch nicht an ein Long-Engagement.
- Neuer Unterstützungstest
Die Kursbewegung zu Punkt (4) muss nicht zwingend eine Unterstützung darstellen. Ausgehend von Punkt (3) sind viele Kursvariationen möglich. Praktisch alles ist denkbar. Punkt (4) ist erreicht, wenn die Volatilität mindestens einmal unterdurchschnittlich wird. Der Markt benötigt Ruhe, um sich neu aufzustellen. In dieser Situation regieren weder die Bären noch die Bullen. Nach der Ruhe wird ein neuer Versuch unternommen, die Situation nach oben oder unten aufzulösen.
- Neuer Widerstandstest
Am Punkt (5) entsteht oft eine kurzfristige Hektik. In den seltensten Fällen reicht diese aus, um die Handelsspanne zu überwinden. Meistens prallt der Kurs am Widerstand ab und verliert sich im Niemandsland. Nach Punkt (5) muss eine weitere Kursruhe einsetzen. Das ist auch an der geringen Volatilität erkennbar.
Eine längere Handelsspanne mit Akkumulation oder Distribution besitzt immer mindestens zwei Zeitpunkte mit schwacher Volatilität. Erst wenn die zweite Ruheperiode überstanden ist, besteht die Chance, die Handelsspanne zu verlassen.
Nach der zweiten Ruhephase entsteht eine Bewegung, die vom „Smart Money“ bestimmt wird. Die institutionellen Marktteilnehmer versuchen, sich zu positionieren, ohne dabei einen Ausbruch aus der Trading Range zu verursachen. Diese Phase kann als „Kursfrühling“ bezeichnet werden, gekennzeichnet durch eine leicht ansteigende Bewegung. Dies ist der Zeitpunkt, an dem sich die Zusammensetzung der Marktteilnehmer verändert. Während die Marktbewegungen zuvor in erster Linie durch kurzfristig denkende Akteure verursacht wurden, greifen nun die langfristig orientierten Marktteilnehmer in den Markt ein.
- Bestätigung
Der Punkt (6) ist kein echtes Merkmal der Handelspanne. Er dient vielmehr zur Bestätigung, dass die Handelspanne beendet ist und der Markt eine echte Umkehrbewegung erzeugen konnte. Sollte der Kurs wieder bis zu Punkt (6) zurückfallen, muss der ehemalige Widerstand der Handelspanne nun eine umgekehrte Funktion übernehmen. Mit anderen Worten: Er muss zur Unterstützung werden.
Bild 2: Darstellung der wichtigen sechs Identifikationspunkte innerhalb der Handelsspanne (Akkumulation).
Mithilfe von sechs Identifikationspunkten können Sie den Zustand einer Handelspanne bestimmen. Mithilfe der roten Rechtecke sind die Zeitzonen markiert, in denen der Long-Einstieg das beste Risiko-Chance-Verhältnis bietet.
An diesen Punkten können Sie in den Trade einsteigen
Mithilfe des Analyseschemas mit den sechs Identifikationspunkten soll das Timing für einen Einstieg verbessert werden. Der Kursverlauf einer Handelsspanne ist grundsätzlich nicht prognostizierbar. Die sechs Merkmale beschreiben deshalb den Zustand, in welchem Stadium sich die Handelsspanne befindet. In Bild 2 oben sind zwei Einstiegszeitzonen, die ein gutes Risiko/Chance-Verhältnis bieten, rot mit Rechtecken markiert.
Der unteren Unterstützungszone kommt beim Trading eine wichtige Rolle zu. Idealerweise sollte Punkt (4) nicht mehr unterboten werden. Fällt der Kurs darunter, kann dies zu einer überraschend schnellen Abwärtsbewegung führen. Ein risikobewusster Trader wird deshalb immer Vorsichtsmaßnahmen treffen und einen Stoppkurs setzen.
Setzen Sie Stopps bei Handelspannen
Erfolgreiches Trading basiert auf dem Studium der Marktkräfte. Es erfordert die Fähigkeit, zu entscheiden, welche Seite die größte Zugkraft hat, sowie den Mut, sich dieser Seite anzuschließen. In jedem Markt-Swing gibt es kritische Punkte. An diesen Punkten scheint es, als würde das Gewicht einer Feder ausreichen, um eine neue Trendbewegung auszulösen. Ein Trader, der sich auf diese Punkte konzentrieren kann, hat viel zu gewinnen und wenig zu verlieren. Er kann nämlich stets einen nahen Stoppkurs platzieren.
Was wir als Trader immer im Fokus haben sollten, ist unser eigenes Verhalten. Wir sind Trader und keine Spieler. Behalten Sie immer die Nerven und unternehmen Sie keine spontanen Handlungen. Sehr schnelle Börsenbewegungen belasten die Nerven der Trader immer sehr. Die Gewinner handeln dabei logisch mit Kalkül, die Verlierer aus dem Bauch heraus.
Egal, was passiert: Halten Sie immer einen Stopp im Markt. Nehmen Sie ihn unter keinen Umständen heraus. Lassen Sie sich davon nicht abbringen, was Ihnen andere Börsianer auch erzählen. Der Stopp ist Ihre Versicherung, damit Sie im Spiel bleiben. Die Börse ist das ultimative Spiel der Spiele. Wenn Sie kein Kapital mehr haben, sind Sie draußen. Man kann mehrere 100 % gewinnen, aber nur einmal 100 % verlieren.
Gerade im Handel gibt es immer wieder die Situation, dass ein Stopp ungünstig ausgelöst wird und die Kurse anschließend wieder die prognostizierte Ursprungsrichtung einnehmen. Es fühlt sich an, als würde man abgezockt werden. Das geht jedem Trader so und wird immer wieder einmal passieren, egal wie geschickt der Stopp gesetzt wurde.
Denken Sie einfach daran, dass ein Spieler ohne Stopp irgendwann „fertiggemacht“ wird. Vielleicht haben Sie zwanzig Mal hintereinander ohne Stopp Glück und es bleibt ohne Konsequenzen. Aber irgendwann – vielleicht beim 21. Mal – werden Sie überrollt. Dann kommt die ungebremste Marktmacht und räumt alles weg, was im Weg steht. Genau dann brauchen Sie eine Versicherung: den Stopp. Die Verlierer kommen dann mit Ausreden, wie schlimm das Schicksal manchmal ist. Seien Sie ein Gewinner, dann müssen Sie nichts erklären.
Bild 3: Praktisches Beispiel mit der Aktie QSC.
In diesem Wochenchart erstreckt sich die Handelsspanne über viele Monate. Im Chart sind die sechs Identifikationspunkte eingezeichnet. Besonders wichtig sind die Ruhephasen. Sie sind grau markiert. Eine Handelsspanne hat mindestens zwei Ruhephasen. Ohne Ruhe fehlt die Kraft, um die Spanne zu verlassen.
Bleiben Sie praxisnah
Das Analyseschema mit den sechs unterschiedlichen Kurspunkten darf nicht zu eng ausgelegt werden. Die verwendeten Zahlen entsprechen keiner strengen Durchnummerierung. Vielmehr dienen sie als Identifikationspunkte während der Analyse. Die Punkte (3), (4) und (5) können häufiger in einer Handelspanne auftreten. Nicht immer muss ein Punkt auf einer Unterstützung oder einem Widerstand liegen. Am besten benutzen Sie die sechs Punkte wie einen Kompass in der „Kurslandschaft“.
Tipp: Handbuch Volumen-Trading
https://www.trading-ideen.de/wordpress/know-how/trading-buecher/handbuchs-des-volumen-tradings/



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