Die hier vorgestellten Strategien basieren auf den Handelstechniken von Kevin Ho. Er lebt in Singapur, ist professioneller Händler und Mitglied der Singapore Exchange. Er hat früher direkt auf dem Handelsparkett gearbeitet und kennt sich daher sehr gut mit dem Intraday-Verhalten von klassischen Indizes und Anleihen aus.
Vom Trading leben…
Das Leben eines Daytraders könnte man so oder ähnlich beschreiben: Jeden Tag ein paar Stunden vor dem Laptop sitzen und anhand von Kursmustern Kauf- und Verkaufsentscheidungen treffen. So ließe es sich vereinfacht beschreiben. Tatsächlich ist es manchmal so, aber nicht immer. Manchmal sind die Handelsmärkte ideal und verhalten sich genau so, wie der Trader es sich vorstellt. Das Trading-Setup passt also perfekt zum Markt. Es gibt aber auch die anderen Zeiten. Dann erscheint der Markt wie eine gefährliche Raubkatze, die dem Trader plötzlich in den Nacken springt. Weder der ideale Markt noch die „Raubkatze” sollten überstrapaziert werden. Bei allem, was ein Händler tun sollte, kommt es auf das richtige Maß an. Wenn die „Raubkatze“ kommt, sollte man sich nicht zurückziehen und beim „Idealmarkt“ sollte man nicht alles auf eine Karte setzen. Scalping ist eine spezielle Art des Tradings, bei der man sich damit begnügt, hier und da ein paar Münzen einzusammeln. Man muss der Versuchung widerstehen, um jeden Preis Geld zu machen. Es geht um Regelmäßigkeit und die Suche nach guten Handelsmöglichkeiten.
Begriffsbestimmung des Scalpings
Beim kurzfristigen Scalping werden häufig kleine Gewinne erzielt und kleine, kontrollierte Verluste in Kauf genommen. Scalping ist eine kurzfristige Strategie. Dies setzt voraus, dass möglichst konstante Gewinne erzielt werden, die oft nur wenige Minuten andauern. Die hier vorgestellten Methoden sind genau das: Trades mit hoher Wahrscheinlichkeit und kleinen Risikostopps. Auch die Gewinnziele sind vorgegeben. Ein Scalper versucht, eine Million Trades durchzuführen, um eine Million USD zu verdienen. Da jeder Trade Kosten verursacht, ist Scalping nur möglich, wenn mit dem Broker sehr niedrige Handelskosten vereinbart wurden.
Ohne Risikomanagement gibt es immer den KontoCrash
Die Einstiegstechniken sind fast selbsterklärend. Beim Scalping steht dagegen das Risikomanagement im Mittelpunkt. Stopps müssen sehr eng gesetzt werden. Ein Trade, der nicht sofort funktioniert, muss sofort beendet werden. Es ist besser, einen Wiedereinstieg zu planen, als mit einer offenen Position in den Hoffnungsmodus zu verfallen.
Auf das Wesentliche reduziert gibt es nur drei Scalping-Kategorien
1) Zeitabhängige Trades
Hier gibt es zwei Formen:
- Ausbrüche aus der Eröffnungsspanne, wo ein schneller Markteinstieg nach einem erkannten Richtungsschub umgesetzt wird.
- Nach dem ersten Richtungsschub ergibt sich eine zweite Handelschance in die entgegengesetzte Richtung. Gehen wir von den US Handelszeiten aus, dann finden sich die Chancen regelmäßig um 10 Uhr und um 15 Uhr (New Yorker Zeit) wieder.
2) Countertrend-Handel
Diese Art von Trades ist besonders erfolgreich, wenn der Markt keine starken Trends ausbilden kann und die Volatilität überdurchschnittlich hoch ist. Der Scalper baut dazu Gegenpositionen zur kurzfristigen Kursrichtung auf. Er kauft also billig und verkauft teuer.
3) Trendfortsetzungsgeschäfte
Bei diesem Scalping-Ansatz versucht der Trader, in Trendrichtung einzusteigen. Er konzentriert sich dabei auf kurzfristige Rücksetzer, ohne dass der Markt den Trend bricht.
Der ultimative Markt für Scalping-Ansätze
Scalper lieben den S&P-500-Future. Er ist einer der liquidesten Märkte und jederzeit zugänglich. Nur wichtige Marktnachrichten können ihn beeinflussen, und die Veröffentlichungstermine dieser Nachrichten sind in der Regel im Voraus bekannt.
Setup 1: Der 15-minütige Opening Range Breakout (OBR)
Der OBR ist eine sehr beliebte Methode, da er zuverlässig ist und sich sehr einfach handhaben lässt. Gewinne oder Verluste werden schnell realisiert und der gesamte Handelsprozess dauert kaum länger als eine Minute.
Ausgangssituation: Warten Sie, bis sich die erste 15-minütige Kursspanne nach der Eröffnung gebildet hat.
Gehen Sie long, wenn der Kurs zwei Ticks über dem 15-minütigen Hoch liegt, oder short, wenn der Kurs zwei Ticks unter dem 15-minütigen Tief liegt.
Gewinnmitnahme: Schließen Sie die Position, wenn diese einen Gewinn von einem Punkt erzielt hat.
Stop Loss: Die Position wird bei einem Verlust von einem Punkt sofort beendet.
Zeitausstieg: Steigen Sie aus, wenn der Handel länger als eine Minute andauert.
Wiedereinstieg: Achten Sie nach einem Ausstieg auf einen möglichen Ausbruch auf der entgegengesetzten Seite.
Das Handels-Setup ist in Bild 1 abgebildet.
B1: Short-Trade im 1-min-Chart des S&P 500
Die Öffnungsphase beginnt ab 15:30 Uhr und daraus bildet sich innerhalb der ersten 15 Minuten ein Hoch und ein Tief. Übersteigt der Markt das Hoch, dann wird eine Long-Position eröffnet. Unterbietet der Markt das Tief, wird eine Short-Position eingegangen.
Setup 2: Der 10-Uhr-Marktrüttler (US-Zeit)
Im Laufe eines Handelstages werden zahlreiche Kauf- und Verkaufsentscheidungen getroffen. Die anfängliche Handelsrichtung muss nicht unbedingt für den Rest des Tages beibehalten werden. Im Gegenteil: Sehr oft schwankt der Markt stark und neue Nachrichten sorgen für Volatilität. Daher findet man ab 10:00 Uhr oft eine Neuorientierung.
Ausgangssituation: Markieren Sie die Handelsspanne der ersten 30 Handelsminuten. Bewegt sich der Markt im oberen Bereich dieser Spanne, bereiten Sie sich auf einen Short-Trade vor. Befindet sich der Kurs dagegen im unteren Bereich der 30-minütigen Handelsspanne, ist ein Long-Trade interessant.
Einstieg : Für Verkaufs-Setups: Einstieg bei Verkaufsstopp 1 Tick vom Tief des letzten 15-Minuten-Balkens.
Einstieg long: Setzen Sie eine Stop Buy Order einen Tick über dem Hoch der letzten 15-Minuten-Candlestick.
Einstieg short: Setzen Sie eine Stop Sell Order einen Tick unter dem Tief der letzten 15-Minuten-Candlestick.
Gewinnausstieg: Schließen Sie die Positionen bei 1,5 Gewinnpunkten.
Stop Loss: Schließen Sie die Position bei einem Verlust von einem Punkt oder wenn der Handel länger als eine Minute dauert.
Stornieren Sie alle Stop-Entry-Aufträge, falls diese nicht bis 10:30 Uhr ausgeführt worden sind.
Das Handels-Setup ist in Bild 2 abgebildet.
B2: S&P 500 im 15-min-Chart.
Der „10-Uhr-Marktrüttler“ geht von Volatilität Seitwärtsbewegungen aus und ist ein ergänzendes Setup zu Strategie Nr. 1. Die ersten beiden Candlesticks ab 15:30 Uhr (europ. Zeit) sind maßgebend für das relative Hoch und relative Tief. Wie im Chart zu sehen ist kommt es zu einer kurzfristigen Gegenbewegung, die gewinnbringend ausgenutzt werden kann.
Setup 3: Der Penny Pincher
Ausgangssituation: Achten Sie bei den 10-Minuten-Candlesticks auf bullishe oder bearishe Engulfing-Patterns. Diese haben eine starke Wirkung und können den Markt kurzfristig in die gewünschte Richtung ziehen. Bild 3 zeigt den Aufbau des Candlestick-Musters.
Tipp: Engulfing-Pattern haben eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, wenn sie in einem bestimmten Zeitfenster auftreten. Achten Sie besonders auf Engulfing-Pattern in der ersten Handelsstunde und in der letzten Stunde des Tages.
B3: Engulfing Pattern
In der Candlestick Analyse gibt es ein klassisches Muster, das Engulfing Pattern. Es handelt sich dabei um ein starkes Signalmuster, weil der Körper der zweiten Candlestick den Körper der vorherigen Candlestick vollständig umschließt. Der Markt gibt damit kurzfristig eine neue Richtung vor.
Beim bullischen Engulfing kaufen Sie zum Marktpreis, wenn der grüne Körper der aktuellen Kerze über das Körperhoch der vorherigen Kerze schließt.
Beim bearishen Engulfing verkaufen Sie zum Marktpreis, wenn der rote Körper der aktuellen Kerze über das Körpertief der vorherigen Kerze schließt.
Gewinn-Ausstieg: Schließen Sie die Position, wenn Sie einen Punkt im Gewinn sind.
Stop Loss: Ausstieg bei einem Verlust von einem Punkt oder wenn der Handel länger als 30 Sekunden dauert.
Das Handels-Setup ist in Bild 4 abgebildet.
B4: Engulfing Pattern beim Intraday-Handel
Der Chart zeigt die Engulfing Patterns (Pfeile) innerhalb der ersten und der letzten Handelsstunde des Tages.
Setup 4: Die 5-Minuten-Standardabweichung
Bei dieser Strategie erfolgt der Wiedereinstieg in einen Trendmarkt. Der Trader sucht nach Rücksetzern, die ihm einen günstigen Einstieg ermöglichen.
Ausgangssituation: In einem 5-Minuten-Candlestick-Chart werden ein gleitender Durchschnitt mit zehn Perioden und ein Bollinger-Band eingezeichnet. Verwenden Sie eine Standardabweichung von eins.
Einstieg: In einem Aufwärtstrend kaufen wir nur den Kursrückgang, der das untere Band durchbricht, sofern die Steigung der Bänder noch aufwärts gerichtet ist.
In einem Abwärtstrend verkaufen wir die Rally, die das obere Band durchbricht, sofern die Bänder abwärts gerichtet sind.
Gewinnausstieg: Schließen Sie bei einem Gewinn von zwei Punkten oder wenn der Kurs das andere Band berührt, je nachdem, was früher eintritt.
Stop-Loss: Setzen Sie einen Stop-Loss von 1,25 Punkten oder steigen Sie am Markt aus, wenn sich die Neigung der Bänder nach dem Einstieg ändert.
Das Handels-Setup ist in Bild 5 abgebildet.
B5: S&P 500 im 5-mim-Chart
Um den Kursverlauf wurden Bollinger Bänder verwendet. Hierbei wurde jedoch eine andere Einstellung gewählt. Der Gleitende Durchschnitt beträgt zehn Perioden und um diese wurden Bänder mit einer Standardabweichung von eins gelegt.
Setup 5: Das Anti
Diese Handelskonfiguration stammt ursprünglich von Linda Raschke. Sie ist die einzige Frau, die in Jack Schwagers „New Market Wizards” erwähnt wird. Die Strategie wurde in ihrem Buch „Top Trading Gewinne“ ausführlich beschrieben. Alle Signale werden immer in Richtung des längerfristigen Trends ausgeführt.
Ausgangssituation: In einem 5-Minuten-Chart verwenden wir zusätzlich einen 7-Perioden-Slow-Stochastik-Indikator mit einem gleitenden 10-Perioden-Durchschnitt als Trendfilter.
Kaufen Sie den Markt, wenn der Stochastik-Indikator nach oben dreht und die 10-Perioden-Durchschnittslinie nach oben geneigt ist.
Für Verkäufe gilt: Verkaufen Sie den Markt, wenn der Indikator nach unten knickt und die 10er-Durchschnittslinie abwärts geneigt ist.
Gewinn-Ausstieg: Schließen Sie die Position mit einem Gewinn von 2 Punkten ab.
Stop Loss: Ausstieg bei einem Verlust von 1,5 Punkten oder wenn der Handel nach 3 Minuten keinen Ausstieg zeigte.
Das Handels-Setup ist in Bild 6 abgebildet.
B6: S&P 500 im 5-min-Chart und Slow-Stochastik-Indikator
Das Anti-System beruht auf der Idee von Linda Raschke und sie benutzt einen Stochastik-Indikator, der auf besondere Art eingesetzt wird. Für ein Long-Signal muss die Stochastik einen Aufwärtsknick zeigen und gleichzeitig der Gleitenden Durchschnitt innerhalb des Indikators nach oben zeigt.
Fazit:
Es wurden fünf verschiedene erfolgreiche Setups vorgestellt. Bedenken Sie jedoch, dass Sie auch Verluste hinnehmen müssen. Die Handelsregeln erlauben ausschließlich standardisierte Trades mit kurzer Haltedauer. Das ist für den einen oder anderen Trader vielleicht nicht spannend genug. Unterhaltung ist jedoch nicht der Sinn des Handels. Bei der Anwendung der Setups gibt es mit hoher Wahrscheinlichkeit nur kleine Gewinne – im negativen Fall aber auch nur kleine Verluste. Die schnellen Gewinnmitnahmen führen oft zu Trefferquoten von 75 Prozent. Das ist angesichts der nervlichen Belastung, die das Daytrading mit sich bringt, recht angenehm.






Hinterlasse jetzt einen Kommentar